Internet Pranger

Internet Pranger

Vor rund 2 Tagen hat sich die Stadtpolizei Zürich entschlossen, 12 Chaoten der 1. Mai Demo mit Foto im Internet zu veröffentlichen (1). Die Blick-Redaktion lässt sich eine solche Schlagzeile nicht entgehen und publiziert die Bilder ebenfalls im Netz und startet zugleich eine Umfrage, ob das Vorgehen gegen die Chaoten verhältnismässig ist (2).

Auf den ersten Blick leuchtet es wohl jedem verantwortungsvollen Bürger ein, dass die Chaoten für ihr Taten belangt werden müssen. Wenn das Internt hilft, die Personen zu identifizieren dann kann uns das nur Recht sein. Dies zeigt auch das Umfrageergebnis beim Blick und beim Tagesanzeiger (5)

Was aber wenn sich herausstellt, das ein Polizeifoto eine unbeteiligte Person zeigt, die zufälligerweise vor die Linse einer Kamera gerannt ist um sich vor den Chaoten in Sicherheit zu bringen? 

Erinnern wir uns zurück an den Mai 2011. Tatort: Stadt St. Gallen.
Ein Taxichauffeur wird beschuldigt, sich an mehreren weiblichen Fahrgästen vergangen zu haben und wird festgenommen. Kurz darauf meldet sich sein Bruder bei der Polizei und gesteht mit den Frauen Sex gehabt zu haben. Der Bruder wird aufgrund der neuen Tatsachen rehabilitiert und freigelassen. Die Fotos die bei der erkennungsdienstlichen Behandlungen vom unschuldigen Bruder gemacht wurden landen dank eines Maulwurfs bei der Polizei in der Tageszeitung Blick. Zusammenfassend: Ein Mann wird, obwohl durch die Justiz bereits entlastet, in einer grossen Tageszeitung als möglicher Vergewaltiger angeprangert, selbstverständlich mit Foto.(3)

Heute lese ich nun im Tagesanzeiger eine Überschrift, das eine Interessengruppe das Foto und den Namen des möglichen Mörders von Annika Hutter im Netz veröffentlichen will (4). Da der Fall inzwischen verjährt ist, glaubt sich die Gruppe im Recht, die Person der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ohne Schuldspruch selbstverständlich.

Ich habe keine Ahnung von den rechtlichen Möglichkeiten, die in solchen Fällen zur Verfügung stehen. Ich nehme solche Berichte und Mitteilungen jedoch mit einiger Sorge zur Kenntnis. Die Taten der vorgenannten Personen mögen alle strafrechtlich relevant sein und eine mögliche Verurteilung rechtlich absolut korrekt sein.

Was passiert jedoch mit Personen, die aus einem dummen Zufall in die Mühlen der Justiz gelangen? Was passiert, wenn durch die Veröffentlichung eines Fotos ein besorgter Bürger zur Selbstjustiz greift? Wer entscheidet denn, wann ein Bild einer bisher nicht verurteilten Person in die Öffentlichkeit gelangt? Wie wird ein zu Unrecht beschuldigter Bürger rehabilitiert? Wer kann ihm/ihr garantieren, dass nicht mit dem Finger auf ihn/sie gezeigt wird?

Wer jetzt denkt, ich fantasiere hier etwas vor mich hin, dem sei gesagt, dass mir vor einigen Jahren etwas ganz ähnliches passiert ist und ich die 4 Stunden unschuldig in Polizeigewahrsam nicht wirklich genossen habe. Eine Kettenreaktion wie sie beim Taxichauffeur ausgelöst wurde, wäre auch in meinem Fall denkbar gewesen und hätte mir für mein zukünftiges Leben durchaus Steine in den Weg legen können. 

Das Vorgehen der Justizbehörden ist aber nicht neu. Bereits 2010 stellte die Basler Polizei Fotos von 17 Hooligans ins Netz. Auch hier berichtete der Blick an vorderster Front (6). àhnliche Aktionen gab es auch schon aus den Kantonen St. Gallen und Thurgau

Auch die SVP ist vom Medium Internet als Mittel zur Verbrechungsaufklärung überzeugt. Hat sie sich doch im Jahr 2009 das Zepter selber in die Hand genommen und via Internet ein Video von 2 mutmaslichen Einbrechern gezeigt. Allerdings hat die Partei dabei gegen das Zivilrecht verstossen. (7)

Quellen:

(1)http://www.stadt-zuerich.ch/pd/de/index/stadtpolizei_zuerich/medien/fahndungen.html
(2)http://www.blick.ch/news/schweiz/zuerich/diese-chaoten-stehen-am-internet-pranger-176964
(3)http://www.blick.ch/news/schweiz/ostschweiz/jetzt-melden-sich-weitere-opfer-172956
(4)http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Annika-Hutters-Fall-bleibt-endgueltig-ungesuehnt–/story/25918501
(5)http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Ein-wirksames-Mittel-gegen-die-Gewaltorgien/story/19796679
(6)http://www.blick.ch/news/schweiz/basel/wer-kennt-diese-hooligans-153137
(7)http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/SVP-geht-auf-Schurkenjagd/story/28405827

 

One thought on “Internet Pranger

  1. Kurt Werner
    Eingetragen 20.Juli 2011 um 6:56 AM

    Hallo Marcel
    Betr. Annika Hutter darf ich Sie beruhigen. Nicht alles, was Zeitungsschreiber veröffentlichen, ist auch so gesagt worden. Veröffentlicht wird der Täter erst nach abgelegtem Geständniss, sowie nach dem Auffinden eines Opfers.

    Freundliche Grüsse

    Kurt Werner

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